Kneipp und Wellness harmonieren perfekt
Ein Besuch im neueröffneten Kneippianum in Bad Wörishofen
Ich werde sicher einiges mit nach Hause nehmen, sagt die 73-Jährige aus Biberach, nachdem sie genussvoll das Frühstück verzehrt hat. Nein, es sind nicht nur die Kneipp´schen Güsse, die hat sie schon vorher zu Hause durchgeführt. Eigentlich ist es der Rat des Arztes, der sich Zeit für sie genommen hat: Ich werde versuchen, mir nicht mehr alle Probleme aufhalsen zu lassen. Wie der Name schon sagt: Sie hat häufig Nackenprobleme, weil sie sich vieles aufhalsen lässt.
Ein Besuch im Kneippianum ist eine Reise zu sich selbst, zu Körper und Geist. Das von Sebastian Kneipp gegründete Kurhaus steht nach seiner Renovierung und Neueröffnung für Moderne und Tradition gleichermaßen. Wer glaubt, diese Gegensätze würden nicht harmonieren, wird eines Besseren belehrt: Hier ist es kein Widerspruch, in der Halle auf bunten Designer-Sesseln das kostenlose Wireless-Lan-Angebot mit dem Laptop zu nutzen und danach ganz entspannt im Raum der Stille zu meditieren. Hier fühlt man sich Kneipp auf moderne Art und Weise verpflichtet und möchte seine Philosophie ganz in die heutige Zeit übertragen. Spiritualität kann Freude bereiten, und wer Angst hat vor den preußischen Traditionen mit kaltem Wasser und erhobenen Zeigefingern, wird hier eines Besseren belehrt.
Wir nutzen modernste Therapieformen, wenn sie zum Kneipp´schen Gedanken passen, meint Jochen Reisberger und zeigt das Armbecken in Form einer Gießkanne. Einmal die Arme reingehalten und fit für die nächsten Stunden so etwas bräuchte man an der Autobahnraststätte! Wir lachen. Ob Hot Stone oder Lomi Lomi alles ist möglich, und doch steht im Mittelpunkt immer die Kneipp´sche Philosophie. An einem guten Kneipp-Guss kommt hier fast keiner vorbei. In allen Packages haben wir einen Knieguss eingebaut, erklärt Reisberger, so kommen auch junge Menschen, die ein Wellness-Wochenende buchen, mit Kneipp in Berührung, und es kommt super an. Kein Wunder, vom alten Krankenhaus-Feeling ist hier nichts mehr zu spüren, die Therapieräume sind lichtdurchflutet, modern und angenehm. Auch beim SPA-Bereich hat man auf historisierenden Kitsch verzichtet, viel Glas kontrastiert mit einem wunderschönen dunklen Rot-Ton. Um so mehr genießt man die historischen Glasfenster im Treppenhaus mit dem Glasrelief aus dem Jahre 1896.
Sebastian Kneipp würde sich in dem von ihm gegründeten Haus sicher auch heute wohlfühlen, sich versöhnen mit dieser hektischen Zeit und vergnügt der Wassergymnastik und dem Kochkurs zusehen oder im Fitnessbereich trainieren. Er selbst war ja seiner Zeit häufig voraus und begründete eine europäische Naturheilkunde, die im Sinne heutiger Wellnessgedanken mehr als hip ist. Doch wo Wellnesshotels dem Luxus-Feeling frönen, ist das Design hier schlicht und geschmackvoll gehalten, und die Wellness-Anwendungen sind medizinisch fundiert. Kleopatrabäder mit zwei Rosenblättern und einem Glas Champagner für 40 Euro gibt es bei uns nicht, schmunzelt Reisberger. Alle Therapeuten haben fundierte medizinische Ausbildungen, auch die Fitnessgeräte werden zunächst grundlegend erklärt. So können sie von Älteren genutzt werden, und der Arzt ist rund um die Uhr erreichbar.
Und der Geist?

- Schwester Oberin Waldefried Gail, Foto: Martina Frenzel
Die Meditation von Schwester Oberin Waldefried Gail beinhaltet körperliche Entspannung und hilft seelisch, die eigene Mitte zu finden. Ich gehe in drei Phasen vor und lasse zunächst Musik spielen, die dem Herzrhythmus entspricht, dabei versuchen die Teilnehmer zur Ruhe zu kommen. Dies wird vertieft durch die Achtsamkeit auf den Atem, erklärt sie ihre Vorgehensweise im Raum der Stille. Als Meditaionsinhalt gebe ich einen Text wie diesen Vers von Rilke oder eine Stelle aus der Bibel in die Rune. Nachdem dazu assoziiert wird,verweilt jeder Teilnehmer ca zwanzig Minuten in der Stille. Anfangs befürchtete ich, dies wäre zu lang, aber das Gegenteil ist der Fall. Wer danach nicht zum Abendessen gehen möchte, kann ihr noch Fragen stellen; wie überall im Hause ist auch Schwester Oberin jederzeit gesprächsbereit, überall wird stehengeblieben und mit den Gästen geplaudert.
Hier kann man auch alleine als Frau sehr gut kuren und Urlaub machen, sagt Betty Schneider. Der Wunsch, allein zu bleiben, wird hier ebenso respektiert wie der, andere kennenzulernen. Schon fit von der Morgengymnastik draußen begibt sie sich zu ihrem Guss, danach wird geruht. Denn auf die Ruhe kommt es an: Manch einer will hier gleich das volle Fitness-Programm buchen, aber erhält nach der Gesundheitsuntersuchung vom Arzt den Rat: Fahren Sie erst mal runter! Reisberger ist Manager von 300 therapeutischen Anwendungen am Tag trotzdem wird an der modern gestalteten Rezeption auf jeden Gast ganz persönlich eingegangen.
Was Betty Schneider sich vorgenommen hat, wird so mancher Gast an guten Vorsätzen mit nach Hause nehmen: Mehr zu sich kommen. Die Säule von Sebastian Kneipp vor der Halle scheint zustimmend zu nicken. Tschüss, Sebastian, leb wohl und bis bald!
Quelle: heiss+kalt, Copyright: Martina Frenzel
Weitere Informationen: www.kneippsche-stiftungen.de



