Kneipp-Kolumne von Achim Bädorf

Foto: T'ai Chi Gong

Selbstfindung, Lebensrhythmus und Balance

Von Achim Bädorf

Die meisten Menschen denken bei Kneipp immer noch an Wassertreten und kalte Güsse. Sicherlich sind Wasseranwendungen ein wesentlicher Bestandteil der Kneipp'schen Philosophie, aber eben nur einer und wohl auch nicht der wichtigste. Das gesamte Prinzip steht auf fünf Säulen: Wasseranwendungen, Ernährung, Bewegung, Heilpflanzen und Ordnungstherapie. Ein ganzheitliches Konzept, das auf natürliche Weise zu Gesundheit und Entspannung verhilft. Die heutigen Kneippanwendungen basieren auf den von Sebastian Kneipp entwickelten Grundsätzen, erweitert um Erkenntnisse der modernen Medizin und ergänzt durch vielfältige Wellness-Angebote. Dabei sind sie vorbeugend und nachhaltig und erfüllen so die Hauptanforderungen des modernen Gesundheitsmanagements.


Die allumfassende Ordnungs-Säule

Ordnung? Für viele klingt dies nach preußischer Strenge. Doch hier und da ist Disziplin auch im Bereich Wellness angebracht. Wir alle wissen, dass es beispielsweise der Selbstdisziplin bedarf, den „inneren Schweinehund“ zu überlisten. Etwa dann, wenn man sich für Tee anstatt Alkohol, für Frischluft statt Zigaretten oder für Bewegung als Alternative zum „Couch Potato“ entscheiden soll.Die weitere Bedeutung dieser Säule betrifft die innere Balance eines Menschen. Die Säule „Ordnung“ soll helfen zu erkennen, dass es möglich und fürs Wohlbefinden auch notwendig ist, Körper, Geist und Seele in eine Balance zu bringen. Ein Gleichgewicht, das innerlich festigt und dann auch gegenüber äußeren Einflüssen unempfindlicher macht.


Lebensrhythmen

Dazu sollten wir wieder mehr auf die naturgegebenen Rhythmen achten: den Biorhythmus, die Jahreszeiten, den Zyklus der Frau, die Midlife-Zeiten des Mannes und andere mehr. Wir haben als Menschen immer ein Problem, wenn wir den Rhythmus verlassen, der uns vom Körper nahegelegt wird. „Innere Ordnung“ bedeutet nicht, um Punkt 12 Uhr beim Mittagessen zu sitzen, sondern seinem Körper Aufmerksamkeit zu schenken: Welche Signale sendet er uns – Hunger, Durst, Müdigkeit nach dem Essen, Frühjahrsmüdigkeit? Beachten und berücksichtigen wir sie? Wer dagegen argumentiert: „Das ist nicht möglich“, der sollte einmal darauf achten, wie sich jeder täglich ein kleines „Break“ einräumt und wie viele diese kleinen Pausen unbedacht vergeuden. Warum nicht in der Mittagspause einen kleinen Spaziergang, eine Tasse heißen Tees in Ruhe genießen? Kleine Auszeiten können große Wirkung haben.Die Säule Ordnung wertschätzen bedeutet daher, dass wir uns unseres eigenen Rhythmus’ wieder bewusst werden und versuchen – so weit möglich – diesen zu leben. Balance heißt heute, sich Freiräume für Leib und Seele zu schaffen. Das heißt auch Kultur, das heißt auch Yoga oder Meditation – also fernöstliche Weisheiten –, Naturerfahrung oder auch Religion und Spiritualität.


Sebastian Kneipp war weltoffen

Fernöstliche Weisheiten bei Kneipp? Wer glaubt, Kneipp sei ein dogmatischer „Gesundheitsapostel“ und Seelsorger gewesen, der irrt. Es gibt Menschen, die erkennen eine Naturgesetzlichkeit, führen sie gedanklich aus und fühlen sich dann ein Leben lang sklavisch daran gebunden. Das Geniale an Kneipp aber war seine Offenheit bei der immerwährenden Prüfung des von ihm entwickelten Systems. Am Ende seines Lebens war er nicht nur Allgäuer, sondern „Weltbürger“, der viele Teile der Welt bereist und überall gelehrt hat. Ob in Paris oder Rom, er wurde geehrt, und wir wissen von Begegnungen mit Menschen unterschiedlichster Strömungen und mit nie ermüdender Beobachtungsgabe gegenüber wirklich Neuem.Nicht zuletzt dadurch hat er sein System immer wieder verfeinert, seine Lehre befand sich in einem ständigen Prozess der Veränderung. Wer heute eine moderne Kneipp-Einrichtung ein Kneipp-Heilbad oder einen Kneipp-Kurort besucht, wird spüren, dass genau dieser Prozess heute weitergeführt wird. Kneipp heißt auch: Nicht stehen bleiben.Achim Bädorf ist Geschäftsführer des Verbandes Deutscher Kneipp-Heilbäder. Informationen unter www.kneippverband.de