Medical Wellness – Chance oder alter Hut in neuen Kleidern?
Zum Thema Medical Wellness befragte Martina Frenzel Prof. Manfred Steinbach, Präsident des Deutschen Heilbäderverbandes
h+k: Herr Prof. Steinbach, Medical Wellness – ist der Begriff Ihrer Meinung nach Fluch oder Segen?
Prof. Steinbach: Einerseits ist der Begriff eine Chance, andererseits ist er natürlich auch ein alter Hut in neuen Kleidern. Der Deutsche Heilbäderverband hat gerade einen gemeinsamen Begriff von Medical Wellness aus Sicht der Kurorte abgestimmt und verabschiedet. Hintergrund ist die allgemeine Definition von Medical Wellness, die Anfang des Jahres in Berlin erarbeitet wurde. Hier versuchten die wichtigsten Verbände der Branche erstmal den kleinsten gemeinsamen Nenner und ein gemeinsames Dach zu finden.
Zwei Dinge sind für unsere ergänzende Definition entscheidend: Wir können es uns als Kurort leisten, "medical" wirklich mit medizinisch zu übersetzen. Die medizinische Kompetenz der Kurortmedizin ist ein in Jahrhunderten entwickeltes Potential. Dies schließt natürlich ein, dass der Arzt nicht der einzige ist, der das Feld besetzt, und auch die Therapeuten rund um die ortsgebundenen Heilmittel mit eingebunden sind.
Zum Zweiten stehen die ortsgebundenen Heilmittel für uns im Mittelpunkt von Medical Wellness im Kurort. Gerade im Hinblick auf Prävention sind dies sehr günstige sanfte medizinische Verfahren, die auf natürlichen Mitteln basieren.
h+k: Und was bedeutet in diesem Zusammenhang "Wellness"?
Prof. Steinbach: Im Unterschied zu früheren medizinischen Definitionen geht es heute auch um Lebensqualität und subjektive Gesundheit. Auch Wellness-Elemente, die ganz typisch für Wellness und Wohlfühlen sind, dürfen dabei sein, solange das Medizinische ausreichend gewährleistet ist.
h+k: Was ist der Unterschied zwischen Medical Wellness in Kurorten und Medical Wellness-Angeboten in Wellness-Hotels?
Prof. Steinbach: Der Kurort ist ja darauf ausgerichtet, auch Krankheiten behandeln zu können. Heute würde man sagen, auch Sekundär- und Tertiär-Prävention mitzubehandeln. Medical Wellness im Kurort heißt einerseits, subjektiv Gesundheit zu fördern und die Lebensqualität zu erhöhen, aber es besteht ebenfalls die Möglichkeit, Krankheiten zu behandeln.
h+k: Was meinten Sie mit "Alter Hut in neuen Kleidern"?
Prof. Steinbach: Die klassische Kur vor dem Zweiten Weltkrieg war eigentlich ein Frühprojekt von Medical Wellness, bevor sie in den 50er Jahren zur Sozialkur wurde. Der traditionelle Gast kam in den Kurort, um sich dort wohlzufühlen und Wellness in seinem Zeitgeschmack wahrzunehmen und dort zu konsumieren. Gleichzeitig wollte er kleine Zipperlein und Krankheiten behandeln lassen. Im Grunde genommen spielte immer eine große Rolle, dass es den Menschen im Kurort gefällt und dass sie gerne wiederkommen. Die ersten Medical-Wellness-Angebote waren die der Kur im alten Modus.
h+k: Ja, das fällt in Bad Pyrmont auch auf, wenn man dort im Bädermuseum die Geschichte des Kurorts studiert. Auch Kultur und Kommunikation spielen dabei eine große Rolle. Wo sehen Sie den Unterschied zur Kur zu Goethes Zeiten?
Prof. Steinbach: Technische Wellness-Errungenschaften wie Whirlpools gab es damals natürlich nicht
, aber über Lebensqualität wusste man vielleicht mehr als heute.
h+k: Sie haben oft dagegen protestiert, dass deutsche Krankenkassen Kuren (die ja eigentlich nicht so heißen) ins Ausland bezuschussen. Auf welche Resonanz sind die Proteste gestoßen?
Prof. Steinbach: Wenn ich die Diskussion in Berlin in diesen Tagen bei unterschiedlichen Adressaten verfolgen konnte, habe ich den Eindruck gewonnen, dass man etwas aufmerksamer in Bezug auf diese Themen geworden ist. Auch der Verbraucher sollte genau darauf achten, ob es sich wirklich um ein Präventions-Angebot handelt.
h+k: Sind denn die Angebote und Zuschüsse im Bereich der Prävention ausreichend bekannt?
Prof. Steinbach: Nein, viele Menschen wissen zu wenig über diese Möglichkeiten der Prävention.
h+k: Herr Prof. Steinbach, wir danken Ihnen sehr für dieses Gespräch.
Quelle: heiss+kalt - Copyright: Martina Frenzel wellness&media


