Baden in Japan

Japan Tourist Organisation

Heiße Bäder im Land der Gegensätze

von Sven Günzel

Japaner legen großen Wert auf Reinlichkeit

Japan - Land der Gegensätze: Geisha und Honda, Japan-Pop und Taiko-Trommel, shintoistische Reinigungsrituale und amerikanisches Fast Food. Japan strengt an, ist faszinierend. Die Inselgruppe liegt am Rande des östlichen Pazifiks und besteht aus mehr als 3000 Inseln. Geologisch betrachtet sind eine Vielzahl der Eilande ursprünglich nur die Gipfel von im Meer versunkenen Gebirgen. 98 Prozent der Fläche des Landes bilden die vier Hauptinseln Hokkaido im Norden, das dicht besiedelte Honshu in der Mitte, Kyushu im Süden und in der Inlandsee die kleinste Insel Shikoku. Japan ist Teil einer instabilen Zone mit vulkanischer Aktivität - der bekannteste Berg Fuji ist ein ruhender Vulkan. Es gibt etwa 50 aktive Vulkane und circa 1500 kleinere Erdbeben pro Jahr. Weitere Zeugen dieser tektonischen Instabilität sind die heißen Quellen, die man überall im Land findet. Bis ins Altertum ist bekannt, dass Menschen darin gebadet haben.

In den Badehäusern von japanischen Tempeln und Klöstern findet sich die Statue des Bodhisattva* Bhadrapala, japanisch Baddabara Bosatsu, dort auch als Kengo Daishi bekannt. Bevor die Mönche und Priester das eigentliche Bad betreten, vollziehen sie drei Niederwerfungen, wobei sie rezitieren: "Wir baden zum Wohl aller Wesen, mögen unser Körper und Geist innerlich und äußerlich gereinigt werden."

Baddabara Bosatsu soll beim Baden die Erleuchtung gefunden haben, so zumindest weiß es das Surangama-Sutra, eine buddhistische Lehrrede, zu berichten. Dort erklärt Baddabara dem Buddha, dass er plötzlich erwacht sei, als er realisierte, dass das Wasser weder ihn noch seine Buddha-Natur (sein "wahres Wesen") reinigt. Die Geschichte endet mit der Versicherung, dass der Körper das Mittel zur Erleuchtung sei.

Japaner baden heiß

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Nun müssen wir nicht Nonnen und Mönche werden, um in Japan in den Genuss des Badens zu kommen - es geht auch weltlicher, obwohl das Ritual durchaus einen spirituellen Charakter haben kann, je nach Stimmung. Zweifelsfrei wurde die Badekultur gefördert durch die Lehre des Buddha, und in den großzügig erbauten Tempelbädern badete außer den Mönchen auch die Bevölkerung, und zwar kostenlos. Die Vorliebe der Japaner für das Baden ist aber auch beeinflusst vom Klima und den natürlichen heißen Quellen sowie von der Einstellung der Menschen in Bezug auf Reinlichkeit. Vom Mittelalter an wurden zunehmend kommerziell betriebene Bäder gebaut, für die eine Benutzungsgebühr erhoben wurde. Dieser öffentlichen Bäder erfreuten sich die Menschen von den breiten Kreisen der Adelsschicht bis zu den Samurai und Stadtmenschen, und sie wurden zu einer Art der geselligen Zusammenkunft.

Im Land der aufgehenden Sonne treffen wir auf drei Arten von Bädern: Das Furo, die "private Badewanne", Sento, das öffentliche Bad und den Onsen, vergleichbar mit den hiesigen Heilbädern. Die Baderegeln sind einfach und treffen für jede Art von Bad zu: Erst gründlich waschen, dann in die Wanne und zwar nackt. Selbst im privaten Badezimmer benutzen alle Familienmitglieder dasselbe Wasser.

Es gibt bereits High-Tech-Wannen, die automatisch das Wasser zur vorbestimmten Uhrzeit und mit der gewählten Temperatur einlaufen lassen. Badezusätze haben sich hier mittlerweile auch durchgesetzt. Es gibt sie beispielsweise mit jahreszeitlich abgestimmten Aromen, Kirsch- oder Pflaumenblüte, Grüntee oder Pfirsich - was das Herz begehrt.

Heutzutage verdrängt das private Furo die öffentlichen Sento, es gibt aber durchaus noch eine Vielzahl von Wohnungen, die nicht mit Badezimmer ausgestattet und nur mit Ölöfen oder elektrisch beheizt werden. Die Bewohner jener im Winter recht kalten Schlafgelegenheiten treffen sich am Abend im öffentlichen Bad, das nicht nur der Reinigung, sondern vor allem der Entspannung, dem Aufwärmen und dem sozialen Kontakt dient. Hier wird der neueste Klatsch aus der Nachbarschaft verbreitet, man sitzt zusammen im heißen Wasser, lässt den Tag noch einmal Revue passieren und entlässt die Sorgen und Nöte beim Einweichen.

Die Wassertemperatur ist für den westlichen Menschen allerdings gewöhnungsbedürftig, anfänglich ist das Wasser sehr heiß, wenn man sich daran gewöhnt hat, möchte man diese Temperaturen aber nicht missen. Die praktische Seite des Ganzen ist, dass man die nötige Bettschwere erreicht und die Nacht wohlig warm verbringt.

Im Sommer hingegen erfrischt das Bad - bei gleichen Temperaturen.

Das Sento gibt es in ganz unterschiedlichen Varianten, mit und ohne Sauna, mit mehreren Becken, als Stangerbad und mit verschiedenen Wassertemperaturen, Sitz- beziehungsweise Liegemöglichkeiten. Wenn es Sie also einmal nach Japan verschlägt, dann lautet die Empfehlung, sich möglichst viele Sento anzusehen. Am (hier fehlt ein Wort!) erkennen Sie das öffentliche Bad. Und nicht vergessen: Für Handtuch, Seife und Shampoo sollten Sie schon selber sorgen. Und für ein japanisches "Badehandtuch", das zuerst als Waschlappen und hinterher als Handtuch dient.

Die japanische Moral hat sich im Laufe der Zeit erheblich verändert, so wurde auch die Geschlechtertrennung eingeführt. Kontakte mit der westlichen und speziell puritanisch-nordamerikanischen Welt haben dazu beigetragen, und zu guter Letzt wurde die Scham vor der Nacktheit mit der Einführung der Verfassung nach dem Zweiten Weltkrieg festgeschrieben. In ganz wenigen Sento gibt es noch die Möglichkeit, zusammen zu baden.

Baden in der Natur

Foto: Japan Tourist Organisation

Onsen sind beliebte Ausflugsziele für den gestressten Großstädter, der sich das Wochenende in einer Familienpension (Ryokan) einmietet, sich im Wasser erholt und danach mit Fisch und Reiswein stärkt. Das ist etwa die japanische Version vom "Himmel auf Erden". Im Onsen geht es schließlich nicht nur um die Reinigung, hier werden auch Zipperlein kuriert. Je nach Lage gibt es berühmte Onsen, die nicht nur der körperlichen Erholung dienen, sondern auch dem geistigen Wohlbefinden, denn Körper und Geist gehören schließlich zusammen. Herrliche Blicke in die Natur lassen sich erhaschen und wenn die gelösten Minerale dann noch ihre Wirkung entfalten, lässt sich der Stress von vielen Wochen harter Arbeit.

Auf Hokkaido beispielsweise baden selbst Affen in den heißen Quellen, nicht zuletzt um sich an kalten Wintertagen aufzuwärmen, sie wissen aber auch um die heilsamen Wirkungen der heißen Quellen. Schon in früheren Zeiten beobachteten die Menschen, dass verwundete wilde Tiere dort badeten, um ihre Krankheiten und Wunden zu heilen. Auch für die Menschen waren die heißen Quellen Orte der Genesung und Heilung.  

Auf jeden Fall fühlt man sich nach dem Bad gut durchgewärmt und erfrischt, auf jeden Fall von den Sorgen des Alltags erleichtert und beschwingt. Die Nöte sind fortgespült, und so kommt man dem Gefühl des Baddabara Bosatsu, der beim Baden erleuchtet wurde, doch schon recht nah.

* Bodhisattva (japanisch: Bosatsu): "Erleuchtungswesen", bezeichnet eine Person, die bereits erleuchtet ist und den Eintritt ins Nirvana verschiebt, bis alle anderen Wesen auch erleuchtet sind.

Quelle: heiss+kalt, Copyright: Sven Günzel