Die Titelstory „Wellnesskids oder Luxusgören“ in heiss+kalt, Ausgabe 04/2006 schlug ein. Kein anderes Wellnessmagazin hatte das Thema zuvor so umfassend behandelt. Was, fragten Eltern und Fachleute der Branche, ist Kinderwellness nun in der Praxis?

 

Von Skischule bis Rückencheck


In allen Hotels mit Kinderwellness-Angeboten werden neben Sportangeboten (Skischule, Moutainbike, Fußball etc.) auch Eventwochen wie Piratenwochen angeboten. Wunderschöne Hallenbäder oder Badeseen laden zum Schwimmen und Plantschen ein. Ein Angebot, das lohnt – nicht nur dicke Kinder verbringen zu viel Zeit vor Computer und Fernseher. Die Folgen können dramatisch sein.

„Es gibt heute keine guten Kinderschuhe mehr, und der Mangel an Bewegung ist gravierend“, meint Nora Oelkers vom Hotel Romantischer Winkel. „Fast jedes Kind in der zweiten Klasse meiner Tochter hatte Rückenprobleme“. Was Nora Oelkers ärgerte: Die meisten Orthopäden meinten, „das wachse sich schon raus“. Im Hotel Romantischer Winkel werden nun Rücken-Checks für Kinder angeboten. „Naja hatte oft keine Lust zu laufen, “ meint ihre Mutter beim Check, „ich habe nie verstanden, warum. Jetzt weiß ich, dass bereits eine Verdrehung der Wirbelsäule vorlag.“ Naja ist begeistert von den Rücken-Übungen mit Abenteuergeschichte, die Spaß machen und den Rücken stärken. Der Orthopädietechniker passt ihr zudem sensomotorische Einlagen an. Diese individuell angepassten Einlagen aktivieren Druckpunkte im Fuß und dadurch bestimmte Muskelbereiche im Rücken. Fußfehlstellungen werden korrigiert und ermöglichen einen korrekten Bewegungsablauf.

Manuela Zenz übt mit den Kindern Nordic Walking mit kindgerechten Stecken am Achensee. „Dann walken wir ins Flusstal, wo ich die Kinder bitte, runde und flache Steine zu suchen. Gemeinsam basteln wir mit den Steinen die Wirbelsäule nach und die Kinder verstehen dabei, wie der Rücken aufgebaut ist und warum Ganzkörpertraining wichtig ist.“ Mit viel Phantasie wird hier Bewegung, Basteln und Wissensvermittlung verbunden.

Entspannung und Massagen – Luxus für Kinder?


Kindermassagen sind kein Luxus. Wer das eigene Kind einmal massiert wird merken, wie groß das kindliche Bedürfnis nach Berührung ist. Gerade hyperaktive Kinder können durch Massage erheblich beruhigt werden. Auch dies macht Kindern Spaß: Im Sporthotel Achensee lernen sie, sich gegenseitig zu massieren, lernen so Respekt voreinander und eine geführte Berührung. „Jeweils acht Kinder massieren sich gegenseitig unter meiner Anleitung, vier Liegen stehen hier in Kinderhöhe zur Verfügung“, erklärt Manuela Zenz.

Entspannungs- oder Rhythmik-Übungen, sogar autogenes Training gibt es bei fast allen Anbietern. Gerade bei Kindern, die unter Reizüberflutung leiden, wirken solche Übungen Wunder.

Last not least: Noch nicht einmal die oft verbrämten Beauty-Anwendungen für Kinder sind Luxus-Anwendungen, bei denen die Kleinen frühe Kundinnen exklusiver Kosmetik-Produkte werden. Nein, da wird lediglich Gurke, Yoghurt oder Quark und Olivenöl verwendet oder pubertierenden Mädchen erklärt, wie sie ihre Haut sauber halten können. Der Begriff „Kinderwellness“ weckt demzufolge teilweise falsche Assoziationen. Günther Hlebaina beschreibt die Sensationsgier der Presse und Fernsehsender.

Die Liste der Konzepte, die im Bereich Kinderwellness durchgeführt werden, ist lang. Lehrer oder Angestellte des Familienministeriums könnten einmal diese Hotels in ihren Ferien besuchen, viele Forschungsgelder könnten da gespart werden. In einer der nächsten Ausgaben wird heiss+kalt Kinder selbst auf Wellnessreise schicken, die die Hotels aus ihrer Sicht testen werden.

 

Von Piratenburgen bis Holzarbeiten


Wer nun den Eindruck bekommt, Gesundheitskonzepte stünden im Vordergrund, liegt falsch. Spielflächen auf vielen, vielen Quadratmetern weisen alles auf, was die kindliche Phantasie erweckt. Da wird gemalt, getanzt und bebastelt, draußen und drinnen. Für jede Altersgruppe gibt es meist den eigenen Bereich und Raum, für qualifizierte Betreuung ist gesorgt.

In einem Punkt sind sich die Betreuerinnen allerdings einig: Insbesondere Stadtkinder haben heute oft Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren, sie möchten sehr schnell ein Ergebnis sehen. „Was machen wir jetzt?, fragen sie nach kurzer Zeit“, meint Angelika Kraft vom Alpenhotel Oberjoch, die dort den riesigen Kinderbereich leitet. „Wir versuchen, wieder mit Naturmaterial zu arbeiten und einen besseren Bezug zur Natur herzustellen, z.B. durch eine Öko-Rallye. Die Kinder werden heute mit immer neuem Spielzeug konfrontiert, mit Plastik und Technik. Wir basteln hier mit Naturmaterial, bemalen Steine oder legen einen Kräutergarten an.“

Im Landgut Furtherwirt gibt es sogar eine echte Holzwerkstatt. „Viele Stadtkinder kennen gar kein Holz mehr“, meint Hansi Hagsteiner. Seine Holzwerkstatt ist perfekt eingerichtet, da kann man das Videospiel glatt vergessen.

Ein „zu früh“ gibt es nicht – Prävention fängt bei den Kleinen an

Auch auf gesundheitliche Probleme der Kinder kann im Urlaub eingegangen werden. So spielen im Kinderhotel St. Zeno im österreichischen Serfaus Kinder mit Salzgranulat und atmen spielend in der Salzgrotte gesunde Salzluft ein. Auf diese Weise wird nicht nur Höhenluft, sondern auch Meerluft geatmet, die gerade Kindern mit Atemproblemen gut tut. Oder es wird dort Kinder-Balancing angeboten, das sich harmonisierend auf alle Verhaltensauffälligkeiten auswirkt.

Im Hotel Romantischer Winkel hat man sich im Bereich Kinderwellness – dem Erwachsenenkonzept entsprechend – auf Medical Wellness verlegt, das heißt, die Betreuung durch einen Arzt ist gewährleistet. Hier fängt Prävention an, wo sie es sollte: früh. Ein zu früh gibt es hier nicht. Im Allgäuer Oberjoch machen wiederum Kinder mit Allergieproblemen Urlaub, da dies die einzige Region ist, in der es keine Hausstaubmilben gibt.

Quelle: heiss+kalt - Copyright Martina Frenzel, wellness&media Köln