Wellness als Lebensphilosophie

Der Mann – er war weit über sechzig –  saß am Tisch und trank ein Bier. Es war einer dieser sehr heißen August-Tage, und der Vorraum des Thermalbads kaum klimatisiert. Selbst ich hechelte nach Luft und hielt meine Beine ins eiskalte Wasser. 35 °C Celsius, und das in Deutschland. Wie in einem Film beobachtete ich, wie der Mann plötzlich von seinem Stuhl fiel, seine Frau sich über ihn beugte. Nach zehn Minuten kam der Rettungswagen – er wurde ins Krankenhaus gebracht.
Vom (un)achtsamen Umgang mit sich selbst

Diese Szene ist eine von vielen, die Badleiter und Saunabetreiber häufig erleben. Menschen werden ohnmächtig, haben Kreislaufprobleme oder ihnen wird schwindlig – entweder sie sind ungeübt, oder sie gehen sehr unvorsichtig mit dem eigenen Körper um. So hat unser Mann in dem Thermalbad wahrscheinlich zu lange Zeit im warmem Thermalwasser – an einem heißen August-Tag – verbracht und sich danach auch noch im sehr warmen Vorraum ein Bier bestellt.

Sicher, es gibt Baderegeln, die überall nachzulesen sind. Jedoch in einem sind sich Fachärzte und Saunabetreiber einig: Es kommt darauf an, auf den eigenen Körper zu achten, in ihn „hineinzuhören“. Was an einem Tag richtig ist, kann am nächsten schon wieder falsch sein. Die Finnen belächeln die Sanduhren in Deutschlands Saunen: Wie kann man nach der Uhr schwitzen? Ihr Standpunkt: „Für das individuelle Wohlgefühl gibt es keine Regeln“. Ein Standpunkt, der auch hier immer mehr Freunde findet (siehe auch Artikel “Finnische Saunakultur“)

Warum handeln Menschen gegen ihren Körper?

Leistungsdruck und Stress können meist an der Tür zum Saunabereich nicht abgelegt werden. Viele meinen, „alles mitnehmen zu müssen“, weil sie einen hohen Eintrittspreis gezahlt haben. Oder man sieht Männergruppen im Wettbewerb: ein Aufguss – ein Weizenbier – jeweils abwechselnd. Schwitzen wird zum Wettkampf: „Viele Gäste glauben, ihren Körper besiegen zu müssen“, sagt Jürgen Huber vom Freizeitbad Nautilla in Illertissen. „Sie möchten möglichst viel aus dem Körper ,herausrausholen, egal ob in der Sauna oder beim Sport.“ Dies seien in der Mehrzahl Männer. Frauen jedoch könnten – so Huber – im Extremfall besonders hart gegen sich und andere sein.

Tausende von Printartikeln, Fernsehbeiträgen und Hörunksendungen handeln heute vom gesunden Leben. Der Interessierte kann sich vieles anlesen und solche Ratschläge befolgen, aber diese kleine und doch lebenswichtige Fähigkeit, sich im eigenen Körper wohl zu fühlen, sich als Ganzes wahrzunehmen, kann man nur bedingt trainieren, diese Fähigkeit muss immer wieder aufs Neue erspürt und erfahren werden.


Quelle: heiss+kalt - Copyright Martina Frenzel, wellness&media Köln