Natur in uns – Natur um uns

Es ist für uns selbstverständlich, dass Naturerlebnisse auch Entspannung und Wohlfühlen bedeuten. Die Natur in uns und die Natur um uns gehören eng zusammen. Stephan Siemens erklärt aus philosophischer Sicht, warum.


Wir Menschen sind ein Teil der Natur. In ihr finden wir unsere Lebensgrundlagen, aber auch den Raum, die Umgebung, in der wir leben. Der Natur gewinnen wir die Mittel ab, die uns das Leben ermöglichen. Die Natur – so scheint es – sorgt für uns Menschen. Sie stellt uns alles im Rohstoff zur Verfügung, was wir brauchen. Die Natur entwickelt sich harmonisch, aber in Gegensätzen, die sich in Bewegungen miteinander ausgleichen. Zum Beispiel gleichen Hitze und Kälte sich im mitteleuropäischen Klima aus. Die Natur gibt uns Menschen auf diese Weise einen Maßstab für unsere eigene Entwicklung. Auch wir suchen Harmonie und den Ausgleich der Gegensätze. Das Heiße und das Kalte sind einander entgegengesetzt. Bei Saunagängen wagen wir uns nach der Hitze ins Kalte, um danach die Wärme umso intensiver zu genießen. Unser Körper bleibt gesund und kommt in Harmonie mit sich selbst. Er lässt sich nicht so leicht aus der Bahn werfen. Unser Körper kann nach solchen „Übungen“ extreme Bedingungen eher ertragen und erhält doch das Gesetz seiner eigenen Bewegung wie Kreislauf oder Atmung. Das spüren wir: Wir fühlen uns wohl.


Das Natürliche und das Künstliche

Auch wenn wir ein Teil der Natur sind, so doch auch das Gegenteil. Denn wir schaffen das Künstliche, in dem wir leben. Wenn wir ein Haus bauen oder eine Stadt, dann grenzen wir uns gegen die Wirkungen der Natur ab. Draußen ist es kalt, wir haben es warm. Denn das Natürliche ist uns nicht immer förderlich. Die äußere Natur ist für unsere Entwicklung oft ein gewaltsames Hindernis, mit dem wir uns auseinandersetzen müssen. Ein Blitzschlag ist ein natürliches Ereignis, das für uns zur Bedrohung werden kann. Wir schützen uns dagegen, indem wir unsererseits als eine Naturmacht in die Natur eingreifen. So betrachtet scheint die Natur in einen Gegensatz von innerer Natur des Menschen und äußerer Natur getrennt.

Die Menschen sind in den meisten Kulturen sehr effektiv bei diesem Zurückdrängen der Schranke der äußeren Natur. Zu effektiv, wie es scheint. Oft verlieren wir Menschen dabei die Harmonie mit der Natur aus dem Blick. (Empedokles würde sagen: Der Hass dominiert. S. Seite …) Wie die Menschen als Naturmacht auf die Natur einwirken, so wirkt diese als stärkere Naturmacht zurück. Manche dieser Rückwirkungen sind im Moment in aller Munde, wie etwa die Klimakatastrophe. Andere sind weniger bekannt: Die Anzahl der Bienenstämme in Europa geht auf bedrohliche Weise zurück. Viele andere Folgen ließen sich nennen. Es geht darum, dass die Menschen ihre eigene Naturmacht besser erkennen und ihr Handeln kontrollieren lernen. Nicht nur die äußeren Lebensgrundlagen sind gefährdet, wenn es so weiter geht. Auch unsere eigene Natur wehrt sich gegen falsche Behandlung. Wie wir die äußere Natur bloß zum Mittel herabsetzen, so betrachten wir auch unseren eigenen Körper bloß als Werkzeug, das funktionieren soll. Die Folgen sind chronische Krankheiten wie Diabetes, Aids oder Allergien, also zu Disharmonien in unserem Körper.

Naturerlebnis als Wellness-Erlebnis


Um Harmonie herzustellen, werden heute künstliche Wellnesswelten kreiert: Schönes Licht, wohllautende Klänge und angenehme Gerüche sollen Körper und Seele wieder in Einklang bringen, sei es zu Hause oder in schön gestalteten Wellnessbereichen. Dabei wird jedoch häufig das älteste Wellnesserlebnis vergessen: Es ist das Erlebnis einer uns angemessenen Natur. Mit angemessen ist eine für uns schöne Natur gemeint – das Erlebnis am Meer, in den Bergen oder in den Wäldern. In solchen Naturerlebnissen werden alle Sinne angesprochen: Man riecht am Meer das Salz in der Luft, spürt die Sonne auf der Haut, hört das Rauschen des Meeres und das Kreischen der Möwen, dabei bewegt man sich im Wasser oder an der Luft.

Verschiedene Formen des Natur-Erlebnisses
 
Warum kann die Natur uns mehr beeindrucken als ein Kinofilm? Wieso liegen unsere schönsten Erinnerungen oft in Ferienerlebnissen? Wir möchten das erhabene, das harmonische Naturerlebnis und das Grenzerlebnis unterscheiden. Wer aufs Meer sieht, spürt nach einer Weile ein Gefühl der tiefen inneren Ruhe. Kant sprach von einem Gefühl der Erhabenheit: Wer aufs Meer schaut, sieht einen nicht endenden Horizont, in scheinbar unendlich weite Entfernung. Kant meint, diese scheinbare Unendlichkeit erinnert uns an die wirkliche Unendlichkeit in uns selbst und ist in diesem Sinne wohltuend. Dasselbe geschieht in den Bergen: Man sieht in eine unendlich groß anmutende Landschaft und empfindet sich selbst als unendlich klein. Auch unter einem Sternenhimmel empfindet der Mensch seine eigene wahrhafte Unendlichkeit und verspürt eine tiefe Ruhe.

Im harmonischen Naturerlebnis erlebt man in einer Landschaft die Ausgeglichenheit und Ausgewogenheit mit sich selbst, in diesem Fall liegt das Erleben des Unendlichen in der Einheit mit der Natur. Auf ein Feld in der Toskana blickend, entsteht das Gefühl, die Landschaft wäre auf einen zugeschnitten, alle Größenverhältnisse stimmen perfekt wie bei einer Theaterinszenierung. Als letztes wäre das Grenzerlebnis zu nennen: Indem man sich mit den Gewalten der Natur konfrontiert, erlebt man das eigene Lebens im Angesicht des Todes als intensiv. In der Konfrontation entwickelt man seine eigene Stärke und Lebenskraft. Man erlebt seine eigene Lebendigkeit im Angesicht eines toten oder künstlichen Alltags. Während es beim Bungee-Jumping nur um das todesähnliche Erlebnis geht, spielt bei Variationen wie Paragliding noch das Gefühl, ein freier schwebender Vogel zu sein, eine Rolle.

Wellness und Natur pur


Es macht Freude, sich mit diesen Naturerlebnissen bewusst zu konfrontieren. Es ist jedoch nicht nützlich, den Leistungsdruck aus dem Alltag mitzunehmen und besonders schnell, groß und leistungsstark zu sein. Auch Sport will in einem harmonischen Maß genossen werden. Neue Formen wie Nordic Walking oder Chi Gong bringen Wellness und Natur ganz bewusst zusammen, neben der Körperkraft spielt das Meditative oder Verspielte eine große Rolle – nicht nur für wellnessbegeisterte Frauen.

Die zweite Möglichkeit, den Zusammenhang zwischen innerer und äußerer Natur zu verstehen ist, sich mit Dingen bewusst zu beschäftigen wie ökologischer Landwirtschaft, Heilwirkung von Kräutern oder dem Lebensmittelkreislauf. Denn die heile Welt gibt es längst nicht mehr, auch unsere Urlaubsgebiete sind von den Auswirkungen der ökologischen Krise betroffen. Wer erkennt, wann ein Baum erkrankt ist, wird vielleicht zukünftig weniger oder langsamer mit dem Auto fahren. Wer riecht, ob Wasser oder Luft sauber ist, wird sich zukünftig vielleicht weniger mit Zigaretten oder Zucker vergiften.


Und nicht zuletzt macht das alles Spaß. Im Alltag oder als Ergänzung freuen wir uns dann wieder über die schön gestalteten Wellnessbereiche und genießen diese doppelt: im Bewusstsein des Luxus‘ dieser menschlich-künstlichen Natur.
Quelle: heiss+kalt - Copyright Stephan Siemens