Wohlfühlfaktor Zeit

Planetarium im Kissalis, Bad Kissingen

 

Haben Sie im Wellnessbereich ihr Handy wirklich im Umkleideraum gelassen? Sind Sie wirklich und wahrhaftig für einige Stunden nicht erreichbar für alle, die etwas von Ihnen möchten, ob privat oder beruflich?Sie genießen hier mit gutem Grund, dass Handys nicht erlaubt sind, dass es unziemlich ist, laut zu sprechen oder Hektik zu verbreiten. Wellnessbereiche sind die Zufluchtsorte der Gegenwart. Saunagruppen, die laut in der Kabine reden, sind zumindest bei Wellnessfreunden nicht beliebt. Ruheräume laden heute zur Besinnung ein, gemütliche Liegen mit Lesemöglichkeit versprechen: Hier werden Sie nicht gestört!Manch einer kann sich diese Ruhe zu Hause kaum noch herstellen. Da klingeln gleich zwei Telefone, Computer und Fernseher verlangen gleichzeitig angeblich Aufmerksamkeit, und das Ausschalten ist schwer. Wir sind ständig mit der Welt vernetzt, und die Vorstellungen von Zeit haben sich rasant geändert. Karlheinz A. Geißler kommentiert pointiert: „Der Zeitgeist geht nicht rückwärts, und sein liebster Aufenthaltsort heißt „Software.“ Er bestimmt die Spielregeln der Gesellschaft. Die Software entscheidet, wie wir in dieser vernetzten Welt kommunizieren. Ihr Ordnungsprinzip ist die Unordnung der Gleichzeitigkeit: Zugriff auf alles, jederzeit und überall.“Natürlich entscheidet nicht die Software, dennoch haben die neuen Technologien schon jetzt gravierende Auswirkung auf unser Arbeits- und Freizeitleben. Wir können mit dem Handy fernsehen oder E-Mails empfangen, filmen oder fotografieren – zu jeder Zeit, überall, „allways on“. Immer im Netz sein, immer vernetzt mit der Welt, immer erreichbar. Aber auch perfekt zu überwachen, wie aktuelle Diskussionen zeigen.Die Möglichkeiten der neuen elektronischen Geräte sind faszinierend. Diese finden sich auf dem festlich und ganz traditionell dekorierten Gabentisch (der Weihnachts-Dekoration, die allerdings in China produziert wurde). Und schon wird den ganzen Weihnachtsabend damit gespielt, komplizierteste Bedienungsanleitungen gewälzt und das Handy nach dem Weihnachts-Essen schon wieder eingeschaltet.



Was sind nun die Auswirkungen im Berufs- und Privatleben?

Die ständige Erreichbarkeit und die Möglichkeit, Dinge gleichzeitig zu tun, man könnte es „die Simultan-Krankheit“ nennen. Fragen Sie Ihre Freunde, ob freiberuflich oder angestellt, zu diesem Thema – fast jeder wird zugeben, während langweiliger Telefonate E-Mails oder SMS zu checken, während des Zähneputzens den Computer einzuschalten oder während des Autofahrens zu telefonieren.Bei vielen entstehen sogar Schuldgefühle, bei nur einer einzigen Tätigkeit nicht effektiv zu sein. Aufträge während des Telefonierens zu checken, erscheint notwendig oder wird von Vorgesetzten sogar erwartet. Und doch wird im nächsten Moment wieder „Zeit vergeudet“, denn Teile des eigenen Ichs wehren sich fast immer gegen den Zwang, effektiv zu sein, ob durch Krankheit oder stundenlanges zielloses Surfen. Der Effektivitätszwang endet in der sogenannten Hurry Sickness, der Zeitkrankheit, die Silke Bass und … auf S. … beschreiben.Die „Zeitkrankheit“ trifft den Manager besonders, aber eigentlich trifft es alle: Die Verkäuferin und den Busfahrer, die mehrere Aufgaben gleichzeitig bewältigen sollen, die Sekretärin oder die Mutter, die zur Managerin der Freizeitkultur ihrer Kinder wird, und die Kinder vom Reitunterricht und zur Nachhilfe kutschiert. Man sieht den Bauarbeiter auf dem Gerüst telefonieren und die eigenen Kinder simultan fernsehen und Gameboy spielen.„Diese ,Two-in-one-Techniken‘“, schreibt Geißler, „wenden viele auch beim Essen an. Bei der Technik des Finger-Food ist es zumindest „mit einer Hand möglich, gleichzeitig Zeitung zu lesen, E-Mails zu verschicken, den Rasen zu sprengen, den CD-Player zu programmieren oder sich durch das TV-Angebot zu zappen und im günstigen Fall sogar für kurze Zeit satt zu werden“, so der Kommentar des Zeit-Experten.Die Kritiker der Beschleunigung sollten sich jedoch bewusst werden, dass die technische Entwicklung wie immer in der Geschichte nicht die einzige Ursache darstellt. Die Arbeitswelt hat sich durch Rationalisierung und neue Managementformen rapide verändert (siehe Artikel von Stephan Siemens), und sie fordert eine enorme Flexibilität – ob berufliche Veränderungen oder Ortswechsel. Da ist für Traditionen, Vereine und Familie, soziale Institutionen der Vergangenheit wenig Platz geblieben.Meditation und Zu-Sich-Kommen sind die eine, notwendige Maßnahme, um sich in der sich beschleunigenden Welt nicht zu verlieren (siehe Artikel über Meditation und das Kneippianum auf S. …). Genau so wichtig ist aber das Verstehen dieser Welt, denn das Denken und die Vernunft sollten auf dem Weg in die Innerlichkeit nicht verteufelt werden. Wer dies tut, wer in die Innerlichkeit oder Esoterik flüchtet muss wie der Autor eines Spiegel-Artikels über Beschleunigung das die Emigration ins Aussteigertum und in die ländliche Einfachheit als einzigen Ausweg propagieren. Wer aber in dieser Welt leben will, kommt um das Verstehen ihrer Veränderungen nicht herum.



Last not least: Es lohnt sich, denn eines ist sicher: Unsere (Lebens-)Zeit ist endlich.

Karlheinz Geißler: „Sparen wir mit der Zeit, indem wir etwa schneller arbeiten, uns schneller fortbewegen oder schneller essen, möglicherweise sogar schneller oder kürzer schlafen, dann bringt uns diese Schnelligkeit nicht allzu viel ein. Am Ende wird nämlich nichts drangehängt – unsere Lebenszeit wird durch diese Sparerei nicht länger. Es gibt keinen Nachtragshaushalt für Zeit. Wo bleibt die gesparte Zeit? Sie ist weg. So betrachtet, kann man sich das Zeitsparen sparen. Schlagen wir hingegen die Zeit tot, dann besitzen wir sie mehr denn je, denn dann lebt sie mit uns und in uns. Anscheinend müssen wir sie töten, um sie und uns leben zu lassen. Paradox.“

 
Quelle: heiss+kalt - Copyright: Martina Frenzel, wellness&media Köln

 

Zeit - Der wahre Reichtum

Foto: N.N.

Es ist schon merkwürdig: Je älter man wird, desto schneller scheint die Zeit zu vergehen … Mit der Zeit verändert sich das Verhältnis zur Zeit. Was ist überhaupt die Zeit? Der berühmte Kirchenvater und Philosoph Augustinus fragte sich das auch. Immer – so sagt er – wenn ich nicht darüber nachdenke, glaube ich genau zu wissen, was die Zeit ist. Aber wenn mich jemand fragt und ich sagen soll, was die Zeit ist, dann scheine ich keine Ahnung zu haben; dann weiß ich nicht, was ich sagen soll. Heute geht es uns nicht viel anders. Vielleicht hat der ebenso berühmte Philosoph Kant Recht, der sagt, dass die Zeit die Form ist, in der das Ich sich selbst erscheint … Dann wäre es nicht verwunderlich, dass jeder, da er sich in der Zeit verändert, dann auch jeweils anders über die Zeit nachdenkt.Aber das gilt nicht nur für die einzelnen Menschen, das gilt auch für die Menschheit insgesamt. In der Geschichte haben die Menschen unterschiedlich über Zeit nachgedacht und sind unterschiedlich mit Zeit umgegangen. In manchen Epochen legten die Menschen im Vergleich zu heute genau das entgegengesetzte Verhalten zur Zeit an den Tag. So schritt ein Geschäftsmann der Renaissance bedächtig dahin, niemals in Eile. Eile wäre als Wankelmütigkeit oder Unbeständigkeit erschienen. Langsamkeit dagegen symbolisierte Beständigkeit, Festigkeit undUnerschütterlichkeit, egal ob es sich um einen Bauern oder Händler handelte.Der Mobile galt zu damaliger Zeit dagegen als Vagabund, der nicht zur Gesellschaft gehörte.Was ist seit damals passiert? Heute ist es ja umgekehrt: Dem eiligen Geschäftsmann (oder der eiligen Geschäftsfrau) gebührt Ehre, die Mobilen machen das Spiel. Und mehr als das: Gleichzeitig auf „mehreren Hochzeiten tanzen zu können“, wie das früher hieß, das ist heute die Kunst.



Am Anfang stand die Langsamkeit

In den Agrargesellschaften war Zeit an den Kreislauf der Natur gebunden, die Natur gab dem Menschen vor, was in welcher Jahreszeit und zu welcher Tageszeit zu tun sei. Man traf sich nach Sonnenaufgang oder – noch unpräziser – nach getaner Arbeit. Die zyklische Zeitvorstellung der Jahreszeiten und die religiösen Feiertage gaben Sicherheit. Die Menschen lebten in der Zeit, wollten aber nicht die Kontrolle über die Zeit erreichen. Zeitmanagement lag ihnen fern. Die Uhr verdiente damals nur das Interesse der Theoretiker wegen der wunderlichen Regelmäßigkeit ihres Ablaufes.Immer hingen das Verhältnis zur Zeit und Arbeits-Ethos eng zusammen.Zur Zeit Luthers mehrten sich die Schriften gegen Laster und Müßiggang. Luther selbst lehrte die „Arbeit als Gottesdienst“ und eine Verlängerung der Arbeitszeit. Die Nichtarbeit büßte an Prestige ein. Bei Hof wurden allmählich feste Zeiten und Pünktlichkeit eingeführt, was alles andere als selbstverständlich war. Benjamin Franklin ruft schließlich 1730 in einem Tugendkatalog dazu auf, „Verliere keine Zeit, sei immer mit etwas Nützlichem beschäftigt; entsage aller unnützen Tätigkeit“, und auch die religiösen Prediger rieten, „da die Zeit Gott gehöre, gereiche sie als Leihgabe nur dann zu seinem Ruhme, wenn sie rastlos genutzt werde.“Mit der Industrialisierung gewann auch die Uhr eine neue Bedeutung. In der Manufaktur oder später in der Fabrik mussten viele Menschen zusammen arbeiten, an einem Ort für eine bestimmte Dauer. Der Unternehmer hatte die Arbeitskräfte für eine bestimmte Zeitdauer gekauft, und in dieser Zeit sollte auch gearbeitet werden. Zeit ist Geld, so postulierte man. Die Zeitdauer wurde durch Uhren kontrolliert. Aber auch die Erfüllung der Zeit mit Arbeit wurde überprüft: Menschen mit Stoppuhren beobachteten die Betriebsabläufe und wollten die Arbeitsleistung in der Zeit verdichten. Seinen Inbegriff hat dieser Umgang mit der Zeit in der Stechuhr. Die Arbeiter steckten ihre Karte in die Stechuhr, wenn sie zur Arbeit kamen und wenn sie wieder gingen. Die Zeit wird eingeteilt in Arbeitszeit und Freizeit, sie wird kontrolliert und verdichtet. Zeit erscheint als Rohstoff, der genutzt werden muss, ganz wie Franklin es auf den Begriff brachte.Mit Hilfe der Kraft der Maschinen kamen sich die Menschen auf der Welt näher. Entfernungen, deren Überwindung früher Wochen oder Monate dauerte, sind heute nur noch eine Frage von Stunden. Prozesse, die früher Monate verschlangen, dauern heute nur noch Minuten. Und das Internet ermöglicht Kommunikation sofort zu vielen Menschen überall auf der Welt. Die Nacht wird künstlich zum Tag gemacht; Einkaufen geht immer und überall; Städte und Air-Kondition schützen vor den Auswirkungen der Jahreszeiten. Die globale Kommunikation erlaubt es immer weniger, zwischen Tag und Nacht zu unterscheiden. Die natürliche Zeit scheint verschwunden. Es soll jemand eine Internetzeit vorgeschlagen haben, damit alle auf der Welt die gleiche Zeit befolgen: eine Art der Globalisierung der Zeit.Unter diesen Bedingungen wird die Stechuhr zu einer willkürlichen Grenze der Arbeitszeit. Die Unterscheidung zwischen Arbeitszeit und Freizeit verfließt und verschwindet. Der Markt „schläft nicht“. Er fordert den ganzen Mann, die ganze Frau, wann immer es nötig ist. Die selbstbewussten Mitarbeiter entscheiden heute selbst, wann sie arbeiten wollen und wann nicht. Das paradoxe Ergebnis: Die Zeit, in der gearbeitet wird, nimmt wieder drastisch zu. Aber es ist nicht mehr der Unternehmer, der die Einhaltung der Arbeitszeit fordert.Auf merkwürdige Weise sind es die Beschäftigten selbst, die einerseits unbedingt arbeiten wollen – oder zu müssen glauben –, andererseits unter ihrer Arbeit häufig fast zusammenbrechen. Sie verstehen oft selbst nicht, warum das so ist; aber die Arbeit nimmt irgendwie zu und will gar kein Ende nehmen. Es ergibt sich ein widersprüchliches Bild: Die selbstbewussten Beschäftigten, die ihre Zeit selbst einteilen, werden von den Arbeitsanforderungen, die sie selbständig zu erledigen haben, erdrückt. Noch haben die Menschen nicht gelernt, mit dieser neuen Anforderung umzugehen. Aber die Folgen für die Gesundheit zeigen: Es wird Zeit, dass wir lernen, wieder anders mit der Zeit umzugehen.Denn die Zeit bleibt etwas Natürliches. Es gibt Tag und Nacht, und es gibt Jahreszeiten. Die Beseitigung dieser natürlichen Bedingungen hat ihren Preis. Wer die Jahreszeiten überwinden will, riskiert eine Klimakatastrophe, wer die Tages- und Nachtzeiten dauerhaft ignoriert und die Zeit verdichtet, riskiert seine Gesundheit. Immer mehr Menschen leiden an Burnout und Stress, suchen Entspannung und Einklang mit der Natur, auch mit ihrer eigenen Natur in Wellness-Anlagen. Und sie tun das nicht allein aus einem Luxusbedürfnis, sondern um ihrer Gesundheit willen.Gesundheit ist aber nur zu haben, wenn die Menschen in ihrem Leben die natürlichen Lebensbedingungen berücksichtigen. Dafür braucht man nicht nur Zeit, sondern auch einen anderen Umgang mit der eigenen Zeit. Denn: Meine Zeit ist mein Leben.Stephan Siemens bietet in der Erwachsenenbildung und im Bereich Burnout-Prävention Seminare zu dem Thema „Meine Zeit ist mein Leben“ an. Weitere Informationen unter www.stephan-siemens.de.

Quelle: heiss+kalt - Copyright: Stephan Siemens